Deutsche Hilfe für China

China gilt bei vielen Experten als das Musterland der Elektromobilität. Denn in kaum einem anderen Land sind die Zuwächse an Autos mit Elektro- und Hybridantrieb derzeit größer. Der Bestand an Elektroautos lag nach Analysen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg (ZSW) Anfang 2018 bei über 1,2 Millionen Fahrzeugen, wovon fast die Hälfte allein 2017 auf die Straßen gekommen sind.

Und doch braucht der Gigant bei den E-Autos Nachhilfe. Nämlich dann, wenn es um die handlungs- und praxisorientierte Ausbildung von Kfz-Mechatronikern geht, die die modernen Fahrzeuge warten und reparieren sollen. Und diese Unterstützung kann Deutschland den Chinesen geben. Bereits seit über 20 Jahren besteht eine intensive Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Berufsbildung.

Ein aktuelles Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das Kompetenzzentrum für Elektromobilität am Technician College der ostchinesischen Stadt Yizheng. Entstanden ist es durch eine Zusammenarbeit der Bildungsbehörde in Yizheng mit dem Institut für Berufsbildung Niedersachsen e.V., dem Kfz-Landesverband Niedersachsen, der Heinrich-Büssing-Berufsschule in Braunschweig, der Adolf-Kolping-Berufsschule in Lohne, der Handwerkskammer Hannover und der Leibniz-Universität Hannover.

Es ist Chinas erstes Zentrum für Elektromobilität, in dem angehende Kfz-Mechatroniker im Bereich der Hochvolttechnik nach deutschen Standards ausgebildet werden und soll damit Modellcharakter für weitere Ausbildungszentren haben. Denn eigene Standards haben die Bildungsbehörden in China bisher nicht entwickelt. Das neue Kompetenzzentrum umfasst moderne Schulungsräume, in denen die Lehrer und Ausbilder Theorie und Praxis hervorragend miteinander verknüpfen können. Künftig soll es um eine Hochvoltwerkstatt erweitert werden, in der die Schüler dann an Fahrzeugen arbeiten können.

Was in Deutschland in vielen Schulen selbstverständlich ist, ist in China bisher noch die Ausnahme. Denn handlungs- oder praxisorientiertes Lernen in einem dualen System, in dem Betriebe und Schulen zusammenarbeiten, gibt es hier noch nicht. Die Ausbildung erfolgt ausschließlich in Berufsoberschulen, die sich oft Colleges nennen, denn in China galt eigentlich nur das Studium als erstrebenswerte Bildungsform.
Nun aber soll die Ausbildung handlungsorientierter werden, da sich viele Unternehmen über nicht ausreichend qualifizierten Berufsnachwuchs beklagen. Ein Bildungspartner der Chinesen dafür ist Deutschland. Und das ist zum beiderseitigen Vorteil, denn nicht zuletzt durch die Bildungskooperation haben sich gute wirtschaftliche Beziehungen ergeben. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner.

Mehr Praxis in die Ausbildung bringen

Die Chinesen wollen durch die Bildungspartnerschaft zwar nicht das deutsche duale System kopieren, aber doch den Praxisanteil in der Berufsausbildung erhöhen. Dafür schulen deutsche Bildungsprofis chinesische Lehrer und bilden vor Ort chinesische Schüler aus. Außerdem reisen Delegationen von Lehrern und Schülern nach Deutschland, um hier in Praktika neue Lehr- und Lernmethoden kennenzulernen.

Das bisherige Bildungssystem in China ist noch von sehr vielen traditionellen Ansichten und sturem Auswendiglernen geprägt; der Druck auf die Schüler ist von Anfang an sehr hoch. Denn der Wechsel in weiterführende Schulen ist immer mit einer zentralen Prüfung verbunden, die die Schüler am besten bestehen können, wenn sie das abgefragte Wissen vorher auswendig lernen. Kritisches und analytisches Denken sind nicht Teil des Lehrplans. Das liegt vielleicht auch an den großen Klassen mit oft 40 oder sogar 50 Schülern, in denen die Lehrer gar keine andere Chance haben, als den Lehrstoff vorlesungsartig vorzutragen.

Schüler, die am Ende ihrer neunjährigen Pflichtschulzeit den Sprung auf eine allgemeinbildende Oberschule nicht schaffen und auf die Berufsoberschule gehen müssen, werden dort in drei bis fünf Jahren auf einen späteren Beruf vorbereitet. Der bisher nur geringe Praxisanteil dieser Berufsausbildung führt dazu, dass sowohl chinesische als auch ausländische Unternehmen mit der Qualifikation der Absolventen inzwischen unzufrieden sind. Das betrifft insbesondere die ausländischen Autohersteller, die dadurch nicht genug qualifiziertes Personal für den Bau und die Wartung ihrer Fahrzeuge finden.

Hier setzt das Projekt in Yizheng an. Wesentlichen Anteil daran hat Klaus Bierschenk, Vorstand des Instituts für Berufsbildung Niedersachsen e.V. und ehemaliger Landesfachberater Kfz-Technik in Niedersachsen sowie Berufsschullehrer an der BBS 6 in Hannover. Seit Jahren reist er immer wieder nach China, um unter anderem Lehrer weiterzubilden und ihnen beizubringen, wie man handlungsorientierten Unterricht durchführt. Eine Arbeit, die wichtig ist, um den explodierenden Automarkt unter Kontrolle zu bringen und dafür zu sorgen, dass moderne Autos auch gewartet werden können. In Yizheng gibt es dafür jetzt ein Kompetenzzentrum, das nach neuesten didaktischen und pädagogischen Gesichtspunkten gestaltet ist.

(Foto: Schmidt)

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